Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Da und weg!

Gezoomt von Manuela (eine Spätzünderin)

Zwölf Kacheln erschienen am Mittwochnachmittag auf meinem Bildschirm, als ich mich bei der Zoom Konferenz unserer Theatergruppe einloggte. Super, alle Frauen und Männer an Bord! Jede/r von uns freut sich auf diese Zeit in der Woche, um uns auszutauschen und kreative Dinge auszuprobieren. Schließlich wurden ja auch unsere Unternehmungen auf fast null zurückgesetzt.

Unsere Truppe besteht hauptsächlich aus Menschen über 50 Jahren, inclusive unserer Regisseurin/Managerin Eva – bis auf unseren Musiker Bernd, der uns musikalisch unterstützt, begleitet, vertaktet und vertont. Auch unser ehemaliger Bufdi Michael ist alterslos in unserem Alter sowie unsere ehemalige Mitspielerin und Rockröhre Gudula, die sich aus Frankfurt dazugeschaltet hat.

Nun ist es schon ein Wunder, dass Punkt 14 Uhr wirklich alle auf dem Bildschirm erschienen, da es für die meisten schon eine digitale Herausforderung darstellt. Bei Sylvia klappt es z.B., weil Winett, eine Praktikantin, jeden Mittwoch zur Stelle ist, um ihr eventuell bzw. öfter bzw … auszuhelfen. Und Helgas Sohn kann sich für diesen Nachmittag in der Woche nichts mehr vornehmen, da seine Mutter nicht nur seinen Laptop, sondern auch seine Unterstützung benötigt.

Am Anfang gab‘s eine lautstarke Begrüßung, jede/r hüpfte förmlich vor Begeisterung in ihren/seinen Kacheln herum. Die Ansicht variiert natürlich je nach Kameraeinstellung. Helga verschwindet fast vom Bildschirm und ist nur aus der Ferne zu sehen, während Gudula, noch so ein zartes Pflänzchen, überlebensgroß auf dem Bildschirm erscheint.

Fragen wie „Wie weit entfernt ist denn Deine Kamera?“ oder „Kannst Du das ein bisschen anders einstellen?“ – meistens gestellt von Gaby, unserer IT Fachfrau unter den Spielerinnen - wurden erstaunt zur Kenntnis genommen.
Danach sah man Riesenhände nach dem Bildschirm greifen, wischen, drehen und drücken, mit dem Resultat, dass es sich änderte, für gefühlte 30 Sekunden …

Nachdem dann reihum alle von ihren Stimmungen, Befindlichkeiten und Neuigkeiten berichtet hatten, wurde erst einmal eine kurze Pause gemacht. Dieses Mal wurde sie von Sylvia und Winett unterhaltungstechnisch begleitet, ohne dass die beiden wussten, dass jede/r ihnen zuhören konnte. Aus den Augen aus den Ohren funktionierte wohl nicht, und für eine Karriere beim Geheimdienst war das auch keine Bewerbung! Sei’s drum, wir hatten einiges über das vegane Kochen erfahren!

Danach begannen die wahren Herausforderungen (ob sich Diethelm wohl deshalb früher verabschiedet hatte …), denn nun ging es um digitales Know-How, um die einzelnen Übungen zu gestalten und vorzuführen. Dabei ist Eva der Host, der uns – wie beim letzten Mal – in Zweiergruppen einteilte, um eine Darstellung abzusprechen. Nun denn: „Ich werde Euch jetzt mal einteilen, gleich müsstet ihr Euch zu zweit in einem anderen Raum sehen.“

Geduldiges Warten, dann sieht man sich selbst und – wie in meinem Fall – poppte auf einmal Ilka auf. Mit Freude erledigten wir unsere Aufgabe und hatten dann noch Zeit, ein paar private Dinge zu besprechen. Dass Sylvia dabei war, war kein Problem, sie sah und hörte uns nicht! Mehrmals versuchten wir, sie zu erreichen, indem wir sie ansprachen – kein Glück! Also versuchten wir, wieder zu unseren Kacheln zu kommen, was Ilka sofort gelang, ich allerdings sah ein weißes Zeichen mit blauer Zoomaufschrift. Ilka konnte sich das nicht erklären, gab Tipps, aber es funktionierte nicht. Ich musste wieder raus aus der Konferenz und wieder rein.

Bei meinem wiederholten Eintritt in die Kacheln war ich aber nicht die Letzte! Die meisten waren noch gar nicht zurückgekehrt. Eva pustete sich den Pony aus der Stirn und versuchte, ihre Schäfchen wieder zur Herde zurückzuführen. Allmählich gelang das, nur um uns mitzuteilen, dass wir unser Video jetzt wegdrücken müssten, bis auf die beiden Personen, die das Geprobte zeigen würden. Sich selbst den Hahn bzw. das Bild abzudrehen, ist keine einfache Sache.

„Wo schalte ich das Video ab?“
„Unten links steht Video ausschalten.“
„Das steht bei mir nicht.“
„Das steht bei Dir nicht?“
„Sie hat bestimmt ein iPad.“
„Ja, habe ich.“
„Dann guck‘ mal oben rechts.“

Es folgt die Großaufnahme zweier Nasenlöcher.

„Ich versuche mal was …“
„Ja, jetzt bist Du weg!“
„Ich höre Euch aber noch.“
„Egal, lass mal, das wird jetzt zu kompliziert.“

Die Performance der beiden Darbietenden war super, die Schaltungen danach eher ausbaufähig. Zwei sollten sich wegklicken, damit die nächsten beiden erscheinen.

„Huch, ich bin ja noch gar nicht dran, oder?“
„Wer ist denn dran?“
„Eva?“

Eva erschien, der Pony wird erst weggepustet, dann mit der Hand zur Seite gewischt – in Großaufnahme natürlich.

„Ich glaube, Karla und Anne.“

Karla versuchte gerade, die Liebesbeweise ihres Hundes abzuwehren.

„Ja, ist gut, komm Anne.“
„Ich sehe nichts.“
„Du musst das Video wieder einschalten.“
„Aha …“
„Unten links.“
„Sie hat ein iPad.“
„Ach, dann oben rechts …“
„Da ist sie ja.“

Die Performance war wieder großartig, das Hin- und Herschalten blieb spannend. Zum Schluss erschienen wieder die einzelnen Kacheln, entweder von selbst oder von Eva in Großaufnahme mit Ponyunterstützung herbeigeholt. Sylvia saß mit stoischer Ruhe fast bewegungslos vor ihrem Bildschirm. Versuche, Einstellungen zu ändern, waren eine Wundertüte und wurden verstimmt hinter nicht vorgehaltener Hand kommentiert. Für die anderen, die wundersamer Weise immer mal wieder verschwanden und wieder auftauchten, lautete ihr trockener Kommentar „Erst sind sie da, dann sind sie weg.“

Zum Schluss aber haben wir alle zusammen performt! Winett hatte uns Tanzbeine gemacht und zu Stevie Wonders Musik „Superstition“ wurde getanzt, was die Kacheln hergaben! Wenn das alles keine Lust auf den nächsten Mittwoch macht!
 

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