Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Theater der (vielfältigen) Erfahrungen

Renate (OstSchwung) betrachtet Theaterpraxis im Wandel.

Aktuell muss auch das Theater der Erfahrungen (TdE)  mit den Einschränkungen des Proben- und Aufführungsdilemmas (im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie) umgehen. Theater als  Heimat kann nicht einfach aufgegeben werden: wir wollen spielen, wir wollen den (teilweise seit Jahrzehnten bestehenden) Kontakt untereinander erhalten – aber wie?

Ich bin seit einem Jahr Mitglied des TdE und bin auch beim Umgang mit diesen Fragen erfreut zu sehen, wieviel Kreativität, Neugier und Mut in der Generation 60+ steckt. Bei der 1. Sitzung nach den Ferien (September, im großen Raum, Abstand) besprach ein kleines Grüppchen an virtuellem Theater Interessierter das Thema noch mit großem Fragezeichen. Ein kurzes Video mit 6 Bildchen von Spieler*innen, die irgendetwas machten, jede*r getrennt vorm PC zuhause: das sollte Theater sein?

Einen Monat später (Ende Oktober, Proben im Park,  Abstand) ließen sich auch die drei dem Virtuellen abgeneigten auf das Probenabenteuer ein: sie sollten als Tandempartner*innen mit einer Netzaffinen eine erste Theaterprobe vor dem Bildschirm versuchen. Die leitende Theaterpädagogin gestaltete die erste und weitere Proben via ZOOM, einer weit verbreiteten Kommunikationssoftware zur Nutzung für Videokonferenzen, Web-Seminaren etc.

Jetzt waren wir 8 Schauspieler*innen in „Käsekästchen“ auf dem Bildschirm und unterhielten uns, als säßen wir nebeneinander. Lockerungsübungen wurden virtuell gestaltet (z.B. Ball werfen und fangen), kleine szenische Übungen wurden in Untergruppen geprobt (nur 2 größere Kästchen auf dem Bildschirm), um später allen (wieder 8 Kästchen) vorgestellt zu werden. Es wurde diskutiert, Monologe geprobt, Praktisches besprochen – so wie früher im realen Raum des TdE. – Und doch war alles anders.

Laut aktuellem Gesetz sollten Begegnungen mit anderen Menschen auf nur eine Person reduziert sein, mit Maske und auf Abstand. Das bedeutete nun für unsere beiden konkreten Probenszenen (die wir im letzten Herbst schon kurz angespielt hatten), dass jeweils eine Szene aus 3 bzw. 4 Personen alleine bzw. zu zweit vor der Webcam gespielt werden musste. Mit gelegentlichem Blick auf den Bildschirm und viel Imagination erschufen wir – in unseren Wohnzimmern – die jeweiligen Szenen. Aus 7 Schritten auf einer möglichen realen Bühne wurden 4 (das PC-Mikrofon hat begrenzte Reichweite), bei einer großen Geste verschwand die Hälfte des Körpers im Nichts. Ich dachte mir als Harlekin meinen „Herrn“ links hinter mir – aber wo sah er mich? Verdecke ich die „Damen“ da, wo ich jetzt stehe? Etc.

Wenn wir zusammen sangen, wurden die Stimmen durch die technische Übertragung verschoben, so dass ein Quasi-Kanon entstand.

Es wurde gelacht, als ich die Hand auf mein Herz legte und mir „falsche Seite“ entgegen gerufen wurde von den Zuschauer*innen. Wir Spieler*innen sehen uns gespiegelt, vergröbert oder grotesk vergrößert, wenn wir dem Bildschirm näher rücken.

Theatergeschichtlich ist der Einsatz von „neuen Medien“ nicht ungewöhnlich. Sie wurden schon in den 1960ern auf Theaterbühnen als dramaturgische Mittel eingeblendet. Aber immer eingebettet in die klassische Theaterform: vor einem Publikum und mit Darsteller*innen, die real waren und sinnlich umfassend erfahrbar. Die man nicht nur hören und in Ausschnitten sehen konnte, sondern auch anfassen, riechen oder mit dem 6. Sinn erfassen. Wo eine nonverbale Kommunikation zwischen Schauspieler*innen und Publikum stattfand.

Um ein Bild aus der plastischen Kunst zu nehmen: Wir bearbeiten mit verschiedenen Werkzeugen den noch ziemlich ungeformten Lehm, der am Ende zu einer kohärenten Skulptur werden soll. Als „work in progress“ ist uns allen noch nicht klar, wie die einzelnen Bilder später analog zusammengefügt werden können. Ob und wieviele von den Einzelszenen auf der Bühne bestehen können. Oder ob wir dann ganz von vorne anfangen müssen. 

Außerdem gilt es, bei jedem der wöchentlichen Treffen ein wenig weiter zu kommen. Denn unser Stück wird Intrigen und Ränke enthalten, wird Konflikte und deren Auflösung kreieren, um dann zu Jahresende  vielleicht schon vorführreif zu sein?

Kontakt

Theater der Erfahrungen - Werkstatt der alten TalenteVorarlberger Damm 112157 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Theater der Erfahrungen - Werkstatt der alten TalenteVorarlberger Damm 112157 Berlin
030 8 55 42 06Fax 030 8 55 43 78E-Mail senden
LeitungEva Bittner, Prof. Johanna Kaiser

Förderung

Die Werkstatt der alten Talente in der Trägerschaft des Nachbarschaftsheims e.V. wird seit 2008 unterstützt durch die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales sowie den Europäischen Sozialfonds (ESF), weiterhin gefördert vom Deutschem Paritätischen Wohlfahrtsverband und der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Eine projektbezogene Förderung erfolgt vonseiten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

Förderverein

Der Förderverein des
THEATERS DER ERFAHRUNGEN e. V.
ist gemeinnützig und unterstützt die Arbeit des Theaters ideell und materiell.

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