Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Ulrike antwortet Hülya.

Ulrike ist Spielerin des Gerswalder Spielmut (Projekt Landkultur).

 

"Lasset uns singen, tanzen und springen"

Hülya: Wie gestaltest Du, liebe Ulrike, in der jetzigen Corona-Situation den Freitag in der Zeit, wo wir eigentlich geprobt hätten?

Ulrike: Ich sitze auf dem Sofa und trockne meine Tränen. Vor allem, wenn ich daran denke, mit welcher Inbrunst ich mit Margrit den wunderbaren Schlager „Der Tag als der Regen kam“ von Dalida geschmettert habe. 

Eine alte Schnulze, von der ich dachte, dass sie keiner mehr kennt, aber das war ein Irrtum. Solche Ohrwürmer leben laaaaaang. 

Bevor ich meine Freitage für die Gerswalder Spielwut blockte, traf ich mich an diesem Tag regelmäßig mit Lotta, meinem Patenkind, auch, um mit ihr gemeinsam zu singen, was sich aber als gar nicht so einfach heraus stellte. 

Als ich einmal für sie den Traumzauberbaum von Reinhard Lakomy mit Waldwuffel und Moosmutzen erklingen ließ, schob sich Lotta auf dem Sofa ein paar Kissen zurecht und hörte tiefenentspannt den Liedern von Küsschen, dem Pfannkuchenschreck, dem Eierbecher zu. Ich war sehr froh, endlich das Richtige für Lotta gefunden zu haben, und ging beschwingt in die Küche, um ihre heiße Schokolade zu holen. Als ich zurückkam, war Lotta allerdings verschwunden, und während ich unter Tisch und Sessel nach ihr suchte, trällerten Angelika Mann und Reinhard Lakomy weiter ihr schaurig schönes Gespensterduett:

Komm du Schöne, tanz mit mir,

reich dein kaltes Händchen,

Mitternacht bis früh um vier,

ein Gespenstertänzchen.

 

Huhuhuhuhugo!

Hahahahaholda!

Huhuhuhuhugo!

Holda!

Hugo!

 

Zum Glück entdeckte ich Lotta noch rechtzeitig vor der zweiten Strophe unter dem Sofa, aber ihre innere Balance war erst nach einem Donut mit pinkfarbenem Zuckerguss und darauf gestreuselten rosa Marshmallowflocken wiederhergestellt.

Für mein nächstes Treffen mit Lotta hatte meine Mutter eine ganz brillante Idee: „Sing doch mit ihr gemeinsam ein paar schöne Lieder, zum Beispiel 'Sah ein Knab ein Röslein stehn' ...“

Na toll, wo inzwischen jeder einigermaßen gut sortierte Erziehungsberechtigte weiß, dass es dieser Knabe faustdick hinter den Ohren hat. Während ich vor der Erfindung des Internets immer dachte, in dem Lied geht es um einen Knaben, der für die Vase in seinem Zimmer nach einer hübschen Rose sucht, tun sich dank Wikipedia und Co. wahre Abgründe hinter diesen hübsch herausgeputzten Worten auf. Es gibt der Interpretationen viele, aber eine besagt, dass „Röslein“ symbolisch für ein Mädchen steht, das sich zuerst  gegen die Gelüste des „wilden Knaben“ zur Wehr setzt, der am Ende der Geschicht' aber doch ihre Jungfräulichkeit „bricht“. *

So was kann ich Lotta unmöglich vorsingen. Das arme Kind.

Doch dann lag bei meiner Freundin Annette scheinbar die Lösung für all meine Probleme auf dem Küchentisch – sie hatte nämlich für Jakob, ihren kleinen Sohn, ein Liederbuch für die ganze Familie gekauft: Lasset uns singen, tanzen und springen.

Als erstes schlug ich das hübsche Liedchen „Eine Seefahrt, die ist lustig“ auf, in dem es in Strophe 3 und 4 heißt :
 

Und der Koch in der Kombüse,

diese zentnerschwere Sau,

kocht uns alle Tage Pampe,

Uschi, Uschi, mit Wauwau.

Mit der Fleischbank schwer beladen

schwankt der Seemann über Deck;

doch das Fleisch ist voller Maden,

läuft ihm schon von selber weg.
 

Wunderschön, absolut kindgerecht.

Genauso wie die Volksweise „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“, die Lotta ganz bestimmt erneut unter unser Sofa treiben würde:
 

Fuchs, du hast die Gans gestohlen,

gib sie wieder her,

sonst wird dich der Jäger holen

mit dem Schießgewehr.

Seine große, lange Flinte

schießt auf dich den Schrot,

dass dich färbt die rote Tinte,

und dann bist du tot.
 

„Bona nox“ allerdings, ein aufgeräumter Kanon zu vier Stimmen, getextet und komponiert von Wolfgang Amadeus Mozart, könnte für mich als Patin das Ende bedeuten, denn der geht so:
 

Bona nox, bist a rechter Ochs;

bona notte, liebe Lotte; bonne nuit,

pfui, pfui; good night, good night,

heut müss ma no weit; gute Nacht, gute Nacht,

scheiß ins Bett dass's kracht, gute Nacht!

schlaf fei g'sund und reck' den Arsch zum Mund!
 

 Am Ende fand Lotta ein Lied, das keinen – also keinen unter sechs - in Angst und Schrecken versetzt: „Schön ist es auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein“ . Das waren noch Zeiten...
 

Literatur: „Lasset uns singen, tanzen und springen“

Das Liederbuch für die ganze Familie

CARLSEN Verlag

 

 

 

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