Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Ulrikes Erinnerungen an 'ihre erste Reise in den Westen'

Ulrike ist Mitglied des 'Gerswalder Spielmut' (Projekt Landkultur)

Meine Eltern sitzen wie immer in der Veranda, als ich sie am 15. November 1986 am Nachmittag besuche. Sie sind allein, und das ist ungewöhnlich, denn meist trinken sie zu dieser Zeit gemeinsam mit meinem Bruder und meiner Schwester einen Kaffee.

»Wo sind denn die zwei« frage ich.

Mein Vater sagt: »Im Westen«, und knautscht ungerührt an seinem Kuchen.

»Wie, im Westen? Sind sie geschäftlich in Magdeburg oder so unterwegs?«

»Nein«, sagt meine Mutter strahlend. »Sie sind bei Tante Erika in Wuppertal. Sie feiert ihren 70. Geburtstag und hat die beiden eingeladen.«

»Na klar«, sag ich. »Und da sind sie zum Bürgermeister gegangen und haben gesagt: »Lieber Genosse Berthold, hier ist eine Einladung von unserem Tantchen aus Wuppertal. Bitte geben sie uns einen Pass, wir kommen auch ganz bestimmt wieder.«

»Genauso ist es«, sagt mein Vater. »Die Reisebedingungen für Bürger der DDR haben sich erheblich verbessert. Aber du bist ja vor allem mit dir selbst beschäftigt...«

Ich werde krebsrot, und meine Mutter fächelt mir frische Luft ins Gesicht.

Na toll, meine Geschwister sind 25 Jahre nach dem Bau der Mauer das erste Mal wieder im Westen und ich sitze hier wie doof.

»Dann fährst du eben nächstes Jahr«, tröstet mich meine Mutter. »Da feiert die älteste Tochter deiner Cousine Jugendweihe«.

»Drüben heißt das Konfirmation«, verbessert sie mein Vater, und nimmt sich noch ein Stück Kuchen.

Acht Monate später stehe ich wirklich mit meiner Schwester, zwei Koffern voller Räuchermännchen, und mundgeblasener Goethebarometern auf dem Bahnhof Friedrichstraße und warte auf den Zug. »Stell dich nicht so dicht an den weißen Strich auf dem Bahnsteig«, warnt sie mich gerade, als eine harsche Stimme durch den Lautsprecher brüllt: »Runder von der Bohnsteigmargierung, aber dalli.«

»Siehste«, sagt meine Schwester, „wären wir bloß mit den anderen im Auto mitgefahren.«

»Dann könnten wir doch nicht in Westberlin aussteigen und uns endlich mal den Ku-Damm angucken«, fauche ich sie an.

»Brüll das doch noch lauter in die Gegend«, faucht sie zurück und redet nicht mehr mit mir.

Mein Bruder holt uns am Grenzübergang ab, zeigt auf ein Haus gegenüber und sagt: »Kiek ma, wie da unterm Dach der Putz abblättert. Hier im Westen is och nich allet Jold, wat glänzt.«

Gut zu wissen.

Ich verkrafte alles. Die Bananen, die Bücher, Chanell Nr.5, Zugverbindungen nach Paris oder London, selbst die Kaugummiautomaten, die es wie in meiner Kindheit an allen Ecken und Enden noch gibt. So, als wäre ich niemals weg gewesen.

Aber dann fährt mein Bruder mit mir an die Grenze, und der Blick ins geteilte Land ist niederschmetternd: Überall Metall-Gitterzäune, Hundestaffeln, Beobachtungstürme, Soldaten mit Kalaschnikows über der Schulter. Noch nie hatte ich die Grenze aus solcher Nähe gesehen, und verstand in diesem Augenblick, warum meine Tante mich gefragt hatte: »Und du kehrst zurück in dieses schreckliche Land?«

Vier Tage später fahre ich in der Nacht zurück nach Berlin. Der Zug hält um 5.30 Uhr am Bahnhof Zoo, und ich steige mit zitternden Knien aus. Auf der Zählkarte ist mein unerlaubter Zwischenstopp auch eindeutig zu sehen, aber meine Neugierde ist größer als meine Angst vor dem DDR-Grenzregime.

Der Bahnhof ist dreckig, die Straße davor trostlos. Ein Typ mit roten Haaren fragt mich: »Haste mal `ne Mark?«

Nee, hab ick nich. Um 9 Uhr treffe ich mich vor dem Europa-Center mit einem Freund. Er spendiert mir bei Möwenpick einen Freundschaftsbecher mit 24 Kugeln Eis. Mir ist schlecht.

Eine Stunde später soll ich im Café Kranzler warmen Apfelstrudel mit Vanillesoße essen. Ich kann nicht. Ich muss immer daran denken, was passiert, wenn ich mit meiner Zählkarte im Tränenpalast ankomme, und mich der Grenzer fragt: Bürgerin, wussten sie nicht, dass es ihnen verboten ist, in der selbstständigen politischen Einheit Westberlin auszusteigen? Hände hoch! Sie sind verhaftet!

Ich muss dringend aufs Klo.

Anschließend fahren wir zum Schloss Charlottenburg und essen Rote Grütze mit Vanillesoße. Danach essen wir beim Italiener Pizza und trinken einen offenen Wein, der mir die Löcher in den Socken zusammenzieht. Mein Freund sieht es und sagt: »Ach stimmt ja, ihr in der DDR trinkt ja lieber was Süßes.“ 

Ich muss aufs...

Wir fahren zum Brandenburger Tor, und als ich die berühmte Holztreppe emporsteige, um über die Mauer in den Osten zu schauen, muss ich an John F. Kennedy und das Lied zum 750. Jahrestag von Berlin- West denken: »Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauer...«

Ich muss ...

Als ich kurz vor Mitternacht fix und fertig in der S-Bahn Richtung Friedrichstraße sitze, starre ich auf meine Zählkarte. «Soll ich sie wegwerfen? Oder soll ich sie trotzig zeigen?«

Ich zerfetze sie. Ihr Schweine! Sperrt mich doch ein!

»Passen sie das nächste Mol besser uff ihre Zählkarte uff, Bürgerin, sonst lassen wir sie nisch mehr rüberfohrn«, schnauzt mich der Grenzer an. »Ich gäb ihnen jetzt ne neue. Aber das is das letzte Mol.«

Als die eiserne Tür hinter mir zu kracht, sagt einer neben mir: »Endlich. Die Heimat hat uns wieder.“

Heimat – was ist das?

 

 

 

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