Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Lucie strikt mit ihrer Nachbarin an einem Fortsetzungsroman

 

Lucie ist für die 'ungeraden' Kapitel, die Nachbarin für die 'geraden' Kapitel zuständig. Der Reiz dabei sei, nicht zu wissen, wie die jeweils Andere auf das zuletzt geschriebene Kapitel eingehen und Stoff bieten wird, auf den man sich dann später wieder einlassen muss ....

Wir werden im Abstand von mehreren Tagen immer wieder zwei Kapitel veröffentlichen und somit den Schreib-Prozess verfolgen.

 

Kapitel 1

Der Garten war sonnendurchflutet. Luise saß im Schatten und hatte Einiges, was ihr durch den Kopf ging.

Eine schlanke große rothaarige Frau jenseits der 50. Nicht nur durch ihre gepflegten im Sonnenlicht wunderschön schimmernden Haar zählte sie zu den ausgesprochen schönen Menschen. Sie kleidete sich immer angemessen und sehr geschmackvoll. Ihr Äußeres würde nicht vermuten lassen, dass das Leben mit ihr schon heftig Schlitten gefahren ist.

Der Garten, in dem Luise saß, gehörte zu einer großen Stadtvilla, die in fünf Wohnungen aufgeteilt war, in einer ruhigen und sehr grünen Wohngegend gelegen. In unmittelbarer Nachbarschaft eines Botschaftsgebäudes, welches nicht von einem schnöden Garten umgeben war, sondern einem richtigen Park.

Der Garten, in dem Luise saß, war noch von ihrem Mann angelegt und gepflegt worden. Acht Wochen, bevor ihre gemeinsame Tochter geboren werden sollte, kam er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Daraufhin kam Lena vier Wochen zu früh auf die Welt. Sie war immer klein und zart aber stets von robuster Gesundheit. Die Schwiegereltern von Luise sorgten dafür, dass die Mutter ihrer Enkelin keine Not zu leiden hatte. Luise konnte zu Hause bleiben und sich gut um ihre immer hübscher werdenden Tochter kümmern. Nebenbei gab sie in ihrem Wohnzimmer noch Musikunterricht für Querflöte. Es hat lange gedauert, bis sie sich in die Rolle der Alleinerziehenden ergeben konnte.

Ihre Tochter kam weder nach ihr noch nach dem verstorbenen Vater. Gerne hätte der Opa seiner Enkelin das gut gehende Architekturbüro übergeben, wenn schon nicht dem einzigen Sohn. Lena hatte auch nichts mit Musik am Hut. Ihre Leidenschaft war das Leben unter Wasser. Vielleicht weil sie bei schönem Wetter mit ihrer Mutter immer im Zoo war und bei schlechtem Wetter meist im Aquarium.

Nach dem Abitur studierte sie Meeresbiologie und Zoologie. Zunächst brachte sie das ans Aquarium, wo sie sich rasch einen Namen machte. Es dauerte nicht lange, da bekam sie ein Angebot als Gastprofessorin nach Australien. Hätten sie ihre Mutter und die Großeltern nicht so bedrängt, wäre sie dem Ruf auf den fernen Kontinent nicht gefolgt. Für Lena war es der richtige Schritt, auch wenn ihre Mutter wegen ausgeprägter Flugangst sie nicht besuchen konnte. Darum nutzte sie jede Gelegenheit, in Europa Urlaub zu machen. Beruflich war es eine gute Entscheidung nach Australien zu gehen, wo sie auch Forschungsprojekte am Riff wissenschaftlich begleiten konnte.

Luise saß in ihrem bequemen Gartenstuhl und genoss den Sommer. Am Vormittag hatte sie eine Begegnung die man im Kino als Wow-Moment bezeichnen würde. Vor der Villa war sie freundlich von einem Mann nach dem Weg zur naheliegenden Botschaft gefragt worden. Sie hatten sich beide angeschaut und genau gewussten, dass es nicht ihre erste Begegnung war.  Doch da an beiden schon das Leben Spuren hinterlassen hatte, waren sie nicht drauf gekommen, wer das Gegenüber sein könnte. Vor über 40 Jahren hatten sie sich in der Grundschule das letzte Mal auf dem Schulhof gesehen. Damals hatte sie schon Flugzeuge im Bauch. Doch auf dem Gymnasium traf sie auf den Vater ihrer Tochter, der bereits in die Abschlussklasse ging und nach dem Abitur Architektur studierte. Jedoch erst nachdem Sie auch ihr Studium abgeschlossen hatte, heirateten sie. Die Gestaltung des Gartens, in dem sie jetzt saß, gehörte zu seinen ersten Aufträgen, als er noch im Büro seines Vaters die ersten Gehversuche gemeinsam mit dem Landschaftsgestalter unternahm. Bis zum Einzug in eine Wohnung der Villa hatte er immer den Garten gepflegt und sich damit ein Extrataschengeld verdient. Inzwischen wird das von einer renommierten Gartenfirma kontinuierlich und richtig gut erledigt.

Bei Luise dämmerte es langsam und sie ahnte, wo sie Ihre Begegnung einzuordnen hatte. Leider konnte sie nicht ergründe,n was das unter dem Strich für sie zu bedeuten hatte, als sich plötzlich eine große warme Hand auf ihre Schulter legte.

 

Kapitel 2

Luise fuhr herum und blickte erschrocken in die trüben Augen Ihres Schwiegervater Harald. Er schaute sie bekümmert über den silbernen Brillenrand an und wusste nicht, wie er ihr diese unangenehme Nachricht schonend beibringen sollte. Sie hatte in der Vergangenheit schon so viel ertragen müssen. Das Haus, ihre Festung, die ihr in den schweren Zeiten immer Halt gab und eine Zuhause  war, vollgepfropft mit schönen und auch nicht so schönen Erinnerungen, dieses Haus ist auch das Geburtshaus von Lena.

Harald stand nun wortlos vor ihr und rieb sich mit der Hand die Augen, die vor Nervosität zuckten.  Er schaute in die Ferne, vorbei an Luises fragenden Augen, er versuchte das Problem, das ihm schon seit langem das Herz abschnürte, endlich anzusprechen.

Der sonnige Tag und das melodische Rufen des Amselmännchens nach seinem Weibchen von der Dachkante aus, konnten Haralds Untergangsstimmung nicht zerstreuen.

„Es wird ihr sicher den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn ihr das Zuhause weggenommen wird“, dachte Harald und seine Augen zuckten noch nervöser und er vermied weiter den Blickkontakt mit seiner Schwiegertochter. Luise war zwischenzeitlich aufgestanden, sie hielt diese Spannung, die wortlos zwischen ihr und ihrem Schwiegervater stand, nicht länger aus.

„Paps, was ist denn los, was ist denn passiert? Ist was mit Mama?“

Er schüttelte leicht den Kopf. „Ist etwas mit Lena? Sag doch was? Spann mich doch nicht so auf die Folter!“

Wieder wischte er sich die Augen und murmelte dabei etwas von.... ich wusste es, eines Tages wird die Vergangenheit uns einholen... das Haus... blauäugig....Unterschrift...

„Ich kann nicht!“

„Paps, was soll denn das heißen, ich verstehe das nicht. Was ist mit dem Haus? Paps, du kannst doch jetzt nicht einfach gehen?“

„Später mein Liebes, später.“ Er drehte sich gedankenverloren um und lief zügig über die Terrasse zurück zum Auto und fuhr übereilt davon.

Luise stand bewegungslos in der Nachmittagssonne, unfähig, aus dem Gestammel Ihres Schwiegervaters eine logische Geschichte zu machten. So kannte sie ihren Paps gar nicht. Er war sonst immer in sich ruhend, immer lösungsorientiert, kreativ, wortgewandt und heute war er nichts mehr davon. Wer weiß, was ihn bedrückt. Hauptsache mit Mama und Lena ist alles in Ordnung, das war für Luise im Moment das Wichtigste.

... Fortsetzung folgt.

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