Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Entzugserscheinungen

Manuela sieht Gemeinsamkeiten zwischen den Spätzündern und Gummibärchen.

Ich kenne mich mit Entzugserscheinungen aus; nicht was Drogen oder Alkohol betrifft, nicht mit Cold Turkey bzw. kaltem Entzug, aber doch mit körperlichem Unbehagen, als man mir während einer Reha den Zucker fast komplett gestrichen hatte.
Was habe ich mich nach etwas Süßem gesehnt! Die fünf kleinen Gummibärchen, die ich pro Tag gegessen habe, waren das pure Hightlight meines Tages. Meine Gedanken drehten sich während der ersten Tage nur um Süßes, alles andere war fast zweitrangig. Aber nach ein paar Tagen ging es mir besser, die Unruhe verschwand, und meine bärigen Freunde schmeckten eigentlich viel zu süß. Die Entzugserscheinungen waren vorbei!

Zur Zeit aber erlebe ich einen kalten Entzug ganz anderer Art: ich vermisse meine Theatergruppe, mir fehlen meine Spätzünder, die ich auf einmal nicht mehr sehen darf – aufgrund des Corona Virus!

Ich vermisse die freudige Begrüßung am Anfang jeder Probe, so als hätte man sich monatelang nicht gesehen. Mir fehlt das Ausprobieren von Szenen, Liedern und Texten, begleitet von wohlwollender Kritik, von Lob aber auch von unbändigem Lachen! Mir fehlen die Überraschungen, die ich von jeder Spielerin und jedem Spieler wieder auf‘s Neue bekomme und natürlich die fröhliche Runde nach der Probe. Von den Aufführungen will ich erst gar nicht reden!

Das Schlimmste aber daran ist, dass diese Entzugserscheinungen nicht besser, sondern immer schlimmer werden! Menschen fehlen eben mehr als Substanzen! Ich bin erst seit einem knappen Jahr dabei, aber die Spätzünder bedeuten mir jetzt schon mehr, als es der Zucker jemals tat.

Jetzt hoffe ich nur, dass diese Entzugserscheinungen nicht dadurch eingedämmt werden, dass ich ganz darauf verzichten muss! Dieser Droge möchte ich nämlich möglichst bald wieder verfallen!