Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Projektarchiv

An dieser Stelle bieten wir Ihnen Texte und Artikel aus der Werkstatt der alten Talente zur Vertiefung.

Mal mit, mal ohne Fotos - oder auch mal Broschüren als Download.

Lesen Sie sich doch einfach mal fest.

 

 

Theater der Erfahrungen

Kreative Potentiale des Alters

Interkultureller Schmelztiegel

    Meisterschule

      Schule des Lebens

        Netzwerk alter Talente

        Erste (W)Interkulturelle Seniorentage Marzahn-Hellersdorf – 19 Veranstaltungen in 14 Tagen

        Foto: AndreasF (photocase.com) Gestaltung: DIE.PROJEKTOREN

        Auftaktprojekt des Netzwerk alter Talente: Erste (W)Interkulturelle Seniorentage Marzahn-Hellersdorf vom 14.-27.1.2013.

        Über den gesamten Großbezirk verteilt fanden neunzehn (inter)kulturelle Veranstaltungen von, mit, über und für SeniorInnen statt: Theateraufführungen, Tanzcafé, Lesungen, musikalische Darbietungen, ein Senioren-Kino-Brunch etc. Mit dabei war auch unser Musical „Altes Eisen“, das die SpielerInnen zweimal im Freizeitforum Marzahn aufführten.

        Eingebunden war das Gesamtprojekt in die Veranstaltungsreihe „Seniorenarbeit im Wandel“ des Verbandes für sozial-kulturelle Arbeit.

        Für die Veranstaltungsreihe brachte das Netzwerk alter Talente sechzehn Kooperationspartner in Marzahn-Hellersdorf zusammen: Stadtteilzentren, interkulturelle Vereine, die Bezirkszentralbibliothek, ein Kino, die Alice Salomon Hochschule sowie weitere Kultur- und Freizeiteinrichtungen und das Bezirksamt.

        Die Auftaktveranstaltung begleitete der Bezirksbürgermeister Stefan Komoß, die Abschlussveranstaltung rundete eine Ansprache der Integrationsbeauftragten des Bezirks, Elena Marburg ab. Das Ergebnis war eindeutig:

        Binnen vier Monaten Planung, gemeinsamer Pressearbeit, Organisation und zwei Wochen Kulturprogramm mit neunzehn gut besuchten Veranstaltungen konnten die Grundideen des Netzwerk alter Talente umgesetzt werden: bereits bestehende AkteurInnen und ihre Angebote im Seniorenkulturbereich vor Ort sichtbar machen, neue Impulse für die (inter)kulturelle Seniorenarbeit setzen und neue Angebote entwickeln.

        Dabei wurde die überwiegende Zahl der Veranstaltungen überdurchschnittlich gut besucht und neue Interessierte erreicht. Insgesamt eine Resonanz, die sowohl das große Potential einer bezirksweiten Kooperation deutlich macht, als auch seine Notwendigkeit und nach Wiederholung ruft.

        Artikel von Hans Ferenz - März 2012

        Altes Eisen

        Wie Senioren-Theater dem Alter trotzt.
        Ein Hinter
        grundbericht aus dem Theater der Erfahrungen

        Wir schreiben das „Europäische Jahr 2012“: Überall in Europa wird das Jahr des „Aktiven Alterns“ ausgerufen. Überall? Ja, überall! Aber warum erst 2012?

        In Berlin wird bereits seit 1980 aktiv gealtert: „Vor 32 Jahren, als vom demografischen Wandel noch nicht die Rede war, startete das Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. mit dem Theater der Erfahrungen eine damals wie heute wegweisende, kreative Seniorenarbeit mit einem sozial-kulturellen Arbeitsansatz - seit 1983 kontinuierlich unterstüzt durch die Senatsverwaltung für Soziales“, schreibt Michael Büge, Staatssekretär für Soziales, in seinem Grußwort an das Theater.

        Von Tempelhof-Schöneberg aus organisiert das Theater der Erfahrungen berlinweit 15 Theatergruppen in Nachbarschaftshäusern und Freizeitzentren. Mehr als 300 Spielerinnen und Spieler zwischen 60 und 90 Jahren singen, tanzen, spielen und spotten in über 120 Aufführungen pro Jahr: in Altenheimen und Nachbarschaftshäusern, auf Kleinkunst- und Theaterbühnen in Berlin, auf Tourneen in der Bundesrepublik und auf Theaterfestivals im benachbarten Ausland.

        Bereits im Jahr 2010, zum 30-jährigen Jubiläum des Theaters, führten rund 30 Seniorinnen und Senioren aus drei Theatergruppen zusammen ein Musical auf. Schon der Titel drückt aus, wie sie sich manchmal fühlen - abgenutzt und abgelegt, wie: Altes Eisen!

        Über beinah zwei Jahre streckte sich die Entwicklungsarbeit für das Musical: Erfahrungen über das Leben im Alter wurden ausgetauscht, wurden die Grundlage für Spielszenen und Liedtexte, für Musik-Kompositionen, Kostüme, Choreografie und wochenlange Proben.

        Heraus kam eine tragische wie komische Geschichte über das Alter, über die immer währende Sehnsucht nach der Großen Liebe und über die Suche nach Ersatzteilen für die müder werdenden Knochen. Erzählt, gesungen und gespielt von rund 30 Seniorinnen und Senioren und einer Live-Kapelle, auf einer Bühne.   .

        Dreizehn Mal wurde das Musical in den letzten beiden Jahren aufgeführt, dreizehn Mal war es ausverkauft. Weit über 3000 Besucher klatschten zur Musik im Takt. Vorauseilendes Gelächter und hinterherhinkendes Nachdenken inclusive. Denn das Musical „Altes Eisen!“ kommt mal schillernd bunt, bald krachend satirisch, dann wieder rührend romantisch daher - und immer ganz nah am tatsächlichen Leben:

        Ganz wie die Hauptfigur „Opa Hikmet“, Bäckermeister türkischer Herkunft, spezialisiert auf sündig-rote Erdbeertorten, tanzende Baklavas und singende Mozartkugeln. Doch bei einem Sturz in seiner kleinen Bäckerei bricht sich Hikmet die Hüfte.

         

        Foto 1 / Foto: Thomas Protz

        Für eine Krankenversicherung hatten die Einnahmen nie ausgereicht und privat kann Opa Hikmet die notwendige Hüftoperation schon gar nicht finanzieren. Was also tun?

        Die ihn heimlich liebende Nachbarsfrau, erst 70 Jahre jung und immer noch ohne Rollator, ergreift die Initiative und startet zusammen mit den Alten aus der Nachbarschaft eine turbulente Rettungsaktion mit einer unerwarteten Lösung - stets gallig kommentiert von einem Grüppchen „Braver Bürger“
        (Foto 2):

         

        Foto 2 / Foto: Heidi Scherm

        Oh Mensch biste alt - dann wirst‘e versorgt
        Selbst das Krankenhaus - wird zum Wellness-Ort
        Als Privatpatient - mit Essen á la carte
        Schwester auf‘m Zimmer - an nichts wird gespart
        Erst Ultraschall, dann Tomograph, dann Chefarztbefund
        Deine goldene Kredit-Card - die hält dich gesund

        Bist‘e Kassenpatient - lebst‘e famos
        Im Sechsbettzimmer - geht die Party los
        Die halbe Lunge - die röchelt im Takt
        Der Herzschrittmacher - der klappert unplugged
        Der Schnarcherchor im Fieberwahn entgleitet zum Choral
        Und der Praktikant notiert - alles normal


        Doch dass die Seniorinnen und Senioren des Theaters der Erfahrungen aller Unbill des Alters mutig trotzen, weiß auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit in seinem Grußwort zum 30-jähren Bestehen des Theaters zu berichten:
        “Altes Eisen rostet nicht! Wenn es noch eines Beweises für diese Lebensweisheit bedurft hätte, das Theater der Erfahrungen liefert ihn. Diese Seniorentheater-Ensembles sprühen vor Witz, schöpfen aus einem reichen Fundus an Lebensweisheit und lieben es, - echt berlinerisch - die Dinge auf den Punkt zu bringen.
        Apropos echt berlinerisch: Berlin wird immer bunter. Auch dieser Trend spiegelt sich in der Arbeit des Theaters der Erfahrungen wider, indem Berliner Seniorinnen und Senioren unterschiedlicher Herkunft gemeinsam Theater spielen.“

        Michael Büge, Staatssekretär für Soziales ergänzt: „Scheinbar nebenbei wird der berechtigte Anspruch auf Achtung und Beachtung der älteren Generation formuliert. Aber es wird auch – und das ist ganz wesentlich – sehr deutlich, dass Alter nicht Stillstand heißen muss, weder geistig, noch körperlich. Engagiertes Theater hält gesund und bereichert die Gedankenwelt der jüngeren Generation aus einer ganz erfahrenen Lebenssicht.“

        Erfahrungen und Erkenntnisse, die eine Spielerin in einen knappen Satz fasst: „Seniorentheater ist, wie von der Schippe zu springen“.

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        Als stadtweites Projekt wird das Theater der Erfahrungen, getragen vom  Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V., gefördert von der Europäischen Union, vom Paritätischen Wohlfahrtsverband und vom Senat Berlin. Vielfach wurden die Theaterproduktionen ausgezeichnet. Zweimal pro Monat können Theaterbegeisterte ab 60 Jahre ihr Talent in kostenlosen „Nachwuchsworkshops“ erproben und entwickeln.

         

         

         

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        Artikel von Hans Ferenz - Januar 2012

        „Mit manchen haben wir uns richtig angefreundet.“

        Jung und Alt machen Theater – ein „Fachgespräch über intergenerative Theaterarbeit“, Start eines Netzwerks.

        Babel liegt kurz vor Brandenburg, am Ortsrand von Marzahn – zumindest „Babel e.V.“, eine multikulturelle Begegnungsstätte, zwischen Hochhausplattenbauten. Mitarbeiter aus 12 Nationen sprechen 17 Sprachen und entwickeln, betreuen und unterstützen Angebote für eine nicht immer bunte Nachbarschaft.

        Einen ganzen Tag lang, am 10. Januar 2012, drehte sich in Babel e.V. alles um intergeneratives Theater: ein Fachgespräch am „richtigen Ort“, initiiert und veranstaltet vom Theater der Erfahrungen, mit seinen mehrsprachigen Theatergruppen und interkulturellen und intergenerativen Angeboten.

        Über vierzig Interessierte folgten der Einladung: Theaterpädagoginnen und -pädagogen, Lehrerinnen und Lehrer, Studentinnen und Studenten, Kolleginnen und Kollegen aus Vereinen und Einrichtungen mit ähnlichem Interesse am kreativen Mit-einander von Jung und Alt. Vierzig Meinungen, zahllose Fragen: Wer bringt hier wem was bei? Kann der Austausch auf Augenhöhe stattfinden? Reicht ein kurzfristiger Kontakt? Sollte eher eine langfristige Beziehung gewährleistet sein? Welche Themen interessieren beide Altersgruppen? Welche Form soll das Ergebnis haben?

        Im Theater der Erfahrungen, bei dem Spielerinnen und Spieler von 60 bis 90 Jahren ihre eigenen Lebensgeschichten in die Theaterproduktionen einbringen, wurde diese Bühne des intergenerativen Kontaktes bereits vor vielen Jahren betreten. Wie sonst kann die spielerisch aufgearbeitete Erfahrung weitergegeben werden, wenn nicht im Spiel mit jüngeren Generationen?

        Genau in diesem Wunsch liegt auch ein zentrales Problem, betont Dieter Bolte, Theaterpädagoge am Theater der Erfahrungen, gegenüber den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Fachgespräches: in einem gemeinsamen Theaterprojekt müssen sich „Jung und Alt auf Augenhöhe begegnen, es gelten die gleichen Regeln für alle“. Allzu oft meinen beteiligte Erwachsene getroffene Vereinbarungen zu Ihren Gunsten auslegen zu können, „dann schwindet das Interesse der Jungen an den Alten und damit geht auch jeder pädagogische Ansatz verloren.“

        Dabei „ist es voll super, mit alten Leuten zusammen Theater zu machen“, meint die neunjährige Laura, „auch weil die manchmal so vergesslich sind oder ihren Text verdrehen, so wie wir Kinder auch.“ Lachen steht im Gesicht und ihre gleichalte Theaterkollegin Neele ergänzt strahlend: „Mit manchen haben wir uns richtig angefreundet.“

        Im vorgespielten Theaterstück, einer Abwandlung des Rattenfängers von Hameln, war dies gut zu beobachten: Mehrere Monate lang, unter der Leitung von Dieter Bolte und Gerhard Moses Heß, haben sich Laura und vier weitere Kinder von neun bis zwölf Jahren mit zehn Seniorinnen und Senioren über siebzig getroffen, haben sich ihre Geschichte ausgedacht, Texte geschrieben, Kostüme besprochen, Requisiten gebaut und gemalt. Der Spaß stand bei allem im Mittelpunkt, auch auf der Bühne, trotz der Anspannung: Die Kinder flüsterten den Alten den Text zu, wenn die gerade „einen Hänger“ hatten. Die Alten hielten beruhigend die Hand, als plötzlich die Sicherung rausflog und das Bühnenlicht ausfiel. Am Ende stand stürmischer Applaus von den Teilnehmern des  Fachgespräches.

        „Man konnte in dieser Version des Rattenfängers gut sehen, dass die Inhalte die Alten und die Jungen gleichermaßen begeistern“, sagte Eva Bittner, Leiterin des Theaters der Erfahrungen. Diese Inhalte in einer intergenerativen Gruppe herauszuarbeiten „ist ein hartes Stück Arbeit, über Wochen. Meistens wollen die Kinder bei Theaterprojekten gleich richtig losspielen, in Fantasierollen schlüpfen und sich ausprobieren. Die alten Spielerinnen und Spieler tendieren eher dazu einen Bezug zur eigenen Lebenswelt herzustellen, zum selbst Erlebten, zu den gesammelten Erfahrungen.“

        „Die Spannung im Stück ergibt sich dann aus den Differenzen, die müssen herausgearbeitet und in Szenen umgesetzt werden“, sagt Prof. Johanna Kaiser (ASH), ebenfalls Leiterin des  Theaters der Erfahrungen. Dies sei grundsätzlich wichtig, egal ob die Senioren mit Kindern in der Grundschule, mit Jugendlichen oder mit Studenten arbeiten, wie in den zurückliegenden Projekten mit Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule oder Rappern und Hip-Hopern eines Jugendzentrums.

        „Wie denken DIE denn?“ ist für Irmtraud Ackermann die entscheidende Frage, wenn sie zu Beginn eines neuen Jung-Alt-Projektes vor den Kindern oder Jugendlichen steht. Und gleich darauf würde sie versuchen sich zu erinnern, „wie habe ich früher gedacht?“. Trotz zahlreicher Auftritte mit Ihrer Seniorentheatergruppe „Fallobst“ habe sie genau wie die Kinder oder Jugendlichen immer noch Lampenfieber vor ihren Auftritten. Um so größer ist die Freude, „wenn vom Publikum was zurück kommt. Lachen, Applaus oder manchmal sind die auch richtig betroffen.“ So kann es nach Ansicht der 75-Jährigen noch lange weitergehen, Angst habe sie nur „vor körperlichen Gebrechen, wenn dann nichts mehr geht.“ Aber das Theater halte sie fit, körperlich und geistig. Und für alle Ausfälle gibt es ja noch die Kinder, die zur Not den Text kennen.

        Dieser gesundheitliche Aspekt des Seniorentheaters findet in der sozial-kulturellen Arbeit zunehmend Beachtung, weiß auch Eva Bittner, die vor 32 Jahren das Theater der Erfahrungen zusammen mit Prof. Johanna Kaiser gründete. Woran es bislang fehlt, ist eine Vernetzung aller Interessierten und Einrichtungen. Genau deshalb wurde das Fachgespräch initiiert, damit ein kontinuierlicher Austausch und Kontakt beginnen kann, über den Tellerrand der eigenen Einrichtung hinaus. Ein nächstes Treffen aller am intergenerativen Theater Interessierten soll noch vor der Sommerpause stattfinden.

        Eine stärkere Vernetzung und dadurch Verstetigung der intergenerativen Theaterarbeit wünschte sich auch Theaterpädagoge Prof. Gerd Koch in seinem Fachreferat zum Ende der Tagung: „Gesellschaften pluralisieren sich, das heißt, sie sind kein monolithisches Volk, sondern werden immer stärker eine Bevölkerung aus sehr unterschiedlichen Personen und Gruppen. Auch das Theater als eine kleine Welt ist ein pluralistisches Unternehmen, auch hier gehören die Menschen zusammen, denn es gibt keinen isolierten Menschen. Vorhandene Verschiedenheit darf nicht negativ sanktioniert werden.“
        Theater sei hierfür der geeignete „Toleranz-Raum“, in dem man sich, seine Grenzen und die Grenzen seiner Mitmenschen kennenlernen kann - ob Alt oder Jung, ob in Babel kurz vor Brandenburg oder irgendwo.

        Kontakt für Interessierte am Netzwerk „Intergenerative Theaterarbeit“: 

        theater-der-erfahrungen(at)nbhs.de

        030 – 855 42 06

         

         

         

         

         

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        Artikel von Hans Ferenz - Dezember 2011

        Förderpreis für das Theater der Erfahrungen

        Die Gründerinnen und Leiterinnen des Theaters der Erfahrungen - Eva Bittner (l), Prof. Johanna Kaiser - nehmen den Förderpreis in Empfang. (Foto: Pressestelle Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg)
        Szene aus „Gnadenbrot“: Ein alter Kranich entschließt sich die Müritz zu verlassen, um in Berlin seine letzten Tage zu verbringen, die zusammen mit den Stadttieren unerwartet turbulent verlaufen. Gespiegelt in die Welt der Tiere, präsentiert die Gruppe Spätzünder diese Theaterstück über das Alter und den nahenden Tod – bei dem auch vor Lachen kein Auge trocken bleibt. Foto: Thomas Protz
        Szene aus „Eine Frau wird erst schön in der Küche“, Foto: Thomas Protz
        Szene aus "Lieder, die schockieren, verführen, irritieren, ..." – ein Gemeinschaftsprojekt des Theater der Erfahrungen mit der Alice-Salomon-Hochschule Berlin
        Szene aus dem Musical „Altes Eisen“: Zwischen Kunstgelenken und übergroßen Pflastern tanzen Erdbeertorten und singen Mozartkugeln.

        Das „Theater der Erfahrungen“ erhielt den Förderpreis des Bezirks Tempelhof-Schöneberg für sein außerordentliches, herausragendes und nachhaltiges, freiwilliges Engagement. Der mit 1000€ dotierte Preis wurde von Bezirksbürgermeister Ekkehard Band verliehen. Besonders freute die Jury, dass dieses quicklebendige Altentheater seine Heimstatt im Bezirk Tempelhof-Schöneberg gefunden hat und dies seit seiner Gründung vor nunmehr 31 Jahren. Das Theater der Erfahrungen ist das älteste Seniorentheater Deutschlands.

        Die rund 40 Spielerinnen und Spieler zwischen 60 und 90 Jahren des Theaters der Erfahrungen organisieren sich in drei Gruppen und nennen sich Spätzünder, Bunte Zellen oder OstSchwung. Mal tauchen sie spontan in der U-Bahn auf und mischen die Fahrgäste auf. Mal bringen sie Schwung ins Seniorenwohnheim. Und immer wieder spotten, lachen, singen und spielen sie ihre Theaterstücke von den Bühnen der Stadt, auf Tourneen in der Bundesrepublik, auf Gastspielen in Frankreich, Griechenland, in der Türkei und zukünftig auch in Polen. Neben den wöchentlichen Proben werden rund 100 Auftritte pro Jahr absolviert.

        Inszeniert wird das „wahre Leben“: Jeder Satz, jede Handlung wird von den Spielerinnen und Spielern selbst erdacht. Oft mischen sich dabei eigene Alltagserfahrungen mit dem gelassenen Humor des Alters zu kritischen wie komischen Theaterproduktionen, weit entfernt von beschaulichen Schunkel-Inszenierungen und betulicher Nabelschau. Hintergründig wie fordernd wird formuliert:

        Zwischen siebzig-plus und Exitus
        liegen noch zwei Bundestagswahlen!
        Aus dem Musical: Altes Eisen

        Wie Liebe im Alter Verrücktes hervorbringen und unbedachte Vaterlandsliebe Verrückte stark machen kann, ist Thema im Theaterstück „Ach du liebes Bisschen“ der Gruppe OstSchwung, die unmittelbar nach der Wende entstand. Das nicht immer konfliktfreie multikulturelle Miteinander in einem Mietshaus thematisiert das Familienstück „Berliner Pflanzen“ der deutsch-türkischen Gruppe Bunte Zellen, das im kommenden Spätherbst uraufgeführt wird. Für Menschen mit Erinnerungsschwächen entwickelten die Spätzünder die satirische Küchenrevue „Eine Frau wird erst schön in der Küche“.  Mit neuen Texten auf bekannten Melodien wird so manches überliefertes Vorurteil messerscharf zerlegt.

        Mit der ersten Probe am 17. März 1980 startete das Theater der Erfahrungen als fahrendes Volkstheater durch Berliner Bezirke, ohne festen Spielort, getragen durch das Engagement alter Menschen. Der Andrang ist groß: Zweimal pro Monat können sich theaterbegeisterte Seniorinnen und Senioren im kostenlosen Nachwuchs-Workshop „Graue Stars“ auf den Bühnenbrettern ausprobieren und den Spaß am Spielen erfahren - angeleitet durch erfahrene Spielerinnen und Spieler. So wuchs im Laufe der Jahre das Theater der Erfahrungen weit über die drei Stamm-Gruppen Spätzünder, Ostschwung und Bunte Zellen hinaus: In neun Berliner Bezirken wurden bereits fünfzehn weitere Theater-, Pantomime-, Gesang-, Musik- und Schreibgruppen initiiert. Alle werden über die Aufbauphase bis hin zur Selbständigkeit betreut.

        Parallel laufen Projekte an Berliner Bildungseinrichtungen: In Schulklassen ab Klassenstufe drei, in Erzieherfachschulen und in Hochschulen erarbeiten und präsentieren die Seniorinnen und Senioren des Theaters der Erfahrungen zusammen mit Schülerinnen, Schülern, Auszubildenden, Studentinnen und Studenten kleine Theaterstücke, aber auch mal eine Revue.

        Zum 30. Geburtstag, im März 2010, schlossen sich die drei Theatergruppen – Spätzünder, Bunte Zellen, OstSchwung -  für eine Produktion zusammen, schrieben, probten, spielten, sangen und präsentierten gemeinsam ihr Jubiläums-Musical „Altes Eisen“ – eine Bestandsaufnahme über das Leben im Alter zwischen Alltagsfrust und Erdbeertorte, über den immer währenden Wunsch nach Großer Liebe und über die Suche nach Ersatzteilen für die müder werdenden Knochen. Vorauseilendes Gelächter und hinterherhinkendes Nachdenken war garantiert. Alle zehn Vorstellungen – sieben in der Ufa-Fabrik, drei in der Werkstatt der Kulturen - waren restlos ausverkauft, über 2400 Besucher von Alt bis Jung applaudierten begeistert. Im Frühjahr 2012 wird das Musical nochmals aufgeführt.

        Hinter den rund 40 Stammspielerinnen und Spielern, den rund 170 Mitgliedern der bezirksübergreifenden Gruppen, den jährlich rund 200 Schülern, Jugendlichen und Studenten in den Workshops und den weit über 4000 Besuchern jährlich steht ein Team aus sieben, überwiegend teilzeitbeschäftigten Mitarbeitern: Theaterpädagoginnen und -pädagogen, Sozialarbeiter, PR- und Bürofachkräfte sowie zahlreiche Praktikantinnen und Praktikanten aus den o.g. Bildungseinrichtungen, aber auch aus Polen und aus der Türkei. Sieben Tage und Abende pro Woche unterstützen, organisieren und betreuen sie aus ihrem Organisationsbüro in der Friedenauer Cranachstraße die nimmermüden Spielerinnen und Spieler, die kooperierenden Einrichtungen und letztlich das Publikum – damit die Alten richtig Theater machen können.

         

         

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        Artikel von Hans Ferenz - September 2010

        „Richtig schön ausschütteln!“

        Foto 1
        Foto 2

        Ein Bericht vom Senioren-Kultur-Tag 2010

        10. September, 14 Uhr, der Saal ist voll, es geht los: Rund 80 Frauen und Männer haben sich versammelt. Mit der ihr eigenen Mischung aus Charme und Ironie moderiert Eva-Maria Täuber, alias „Petra Wiesenhügel“ (Foto 1), aus der Theatergruppe „Spätzünder“, den diesjährigen Senioren-Kultur-Tag. Traditionell wandert der Senioren-Kultur-Tag durch die Bezirke, in diesem Jahr war er zu Gast im Nachbarschaftshaus am Teutoburger Platz im Prenzlauer Berg.

        „Kulturelle Angebote sollen von allen Menschen genutzt werden können, auch dann, wenn sie von Hartz-IV leben müssen“, forderte Dr. Eberhard Löhnert (Foto 2) vom Paritätischen Wohlfahrtsverband eindringlich in seiner Eröffnungsrede und meinte damit nicht nur den Besuch von Veranstaltungen. Vielmehr soll allen auch die Möglichkeiten offen stehen, Kultur durch eigenes Engagement gestalten zu können.

        Ein paar Grundwerkzeuge, um sich kulturell zu engagieren, konnten auch gleich danach ausprobiert und erlernt werden. Sechs Workshops standen zur Auswahl: Tanztheater, Beatbox, Pantomime, Improvisationstheater, Kreatives Schreiben und Gesang: „Das tut nicht weh, macht Spaß und eigentlich kann es jede und jeder“, kommentiert die Sängerin und Gesangpädagogin Robin Lyn Gooch, die ersten Bedenken ihrer 12-köpfigen Laien-Gesangs-truppe (Foto 3) und gurgelt auch sofort laute und leise Töne in den Raum, spielt spontan mit Tonhöhe und Rhythmus. Mit breitem Lachen begegnet sie jeder Scheu, ihr improvisiertes Klangspiel nachzuahmen: „Du schaffst das! Alles ist richtig“.

        Gegen Anspannung hilft „richtig schön ausschütteln“, erklärt die Tanzpädagogin Franziska Bartsch und lässt hüpfend ihren Kopf hin und her baumeln, bevor es im Takt weitergeht: „seit - ran - seit – ran! Fühlt euch wie im Ballsaal!“ Die Laien-Tänzerinnen strahlen königlich.

        „Nun stellt euch vor, der Liebhaber klingelt an der Tür! Was passiert dann?“, fragt die Autorin Gitta Schierenbeck in die Runde der Nachwuchsschriftsteller aus der Schreibgruppe und die Gesichter sehen aus, als wüssten sie es genau - nur, wie schreibt man das auf.

        Fast drei Stunden dauern die Workshops, dann werden die Ergebnisse im großen Saal vorgeführt. Die Begeisterung ist groß. Applaus ist der Lohn nach jeder Präsentation. „Spaß gemacht hat es, so richtig!“, lautet unisono der Kommentar der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, „und professionell war es auch“.

        Ein Konzert des Duos „cardenas valesco“, mit Gitarre und Bandoneon (Foto 4), beendet den 4. Senioren-Kultur-Tag, gibt Zeit den Gedanken nachzuhängen, das Erlebte einzuordnen und Kultur auch mal nur zu genießen.

        (Fotos: Thomas Protz)

        Foto 3
        Foto 4

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        Artikel von Hans Ferenz - Juli 2010

        Hoher Besuch bei der Werkstatt der alten Talente

        Berliner Seniorenwoche 2010

        Mal wieder war die Werkstatt der alten Talente bei der Eröffnung der Berliner Seniorenwoche dabei, am 26. Juni, auf dem Breitscheidplatz.

        Einen Blick in die Seniorentheaterwelt riskierte an diesem Samstag auch Senatorin Carola Bluhm (Foto) am Stand der Werkstatt der alten Talente. Anfangs noch ganz unverbindlich – doch schließlich mit dem Versprechen, den Kontakt zu intensivieren.

        Den ganzen Tag über war der gelbe Werkstatt-Stand gut besucht, auch die frühere Senatorin Heidi Knake-Werner schaute vorbei. Im Märchenzelt gaben Spielerinnen und Spieler aus der Theatergruppe „Fallobst“ ihr erzählerisches Talent zum Besten, illustriert von Trommeln und Saz-Musik. Alte aus der Theatergruppe „Pfefferstreuer“ zogen als Demonstrationszug über den Platz und forderten auf bunten Plakaten voll bissiger Ironie mehr Alten-Kulturarbeit zur Gesundheitsvorsorge. Der Drum-Circle 50+ trat auch gleich den Beweis an: 25 Trommlerinnen und Trommler provozierten heftiges Klatschen und rhythmisch-kreisende Hüftbewegungen im Publikum - sehr zur Freunde der ‚Roten Nasen’ aus der Theatergruppe „Reife Insulanerinnen“.

        Ein guter Tag, der zum Mitmachen einlud – das Publikum und die Senatorinnen.

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        Kontakt

        Theater der Erfahrungen - Werkstatt der alten Talente
        Vorarlberger Damm 1
        12157 Berlin
        Standort / BVG Fahrinfo

        Tel 030 / 8 55 42 06
        Fax 030 / 8 55 43 78
        E-Mail senden

        Leitung
        Eva Bittner, Prof. Johanna Kaiser

        Förderverein

        Der Förderverein des
        THEATERS DER ERFAHRUNGEN
        ist gemeinnützig und unterstützt die Arbeit des Theaters ideell und materiell.

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