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Johanna Kaiser über Reise Berlin - Bademler 2012

Theater, Theater - einfach wunderbar!

Ein transnationaler Kulturaustausch Berlin – Bademler

Die Sonne macht sich auf den Heimweg, die Dämmerung bricht an. Eine Herde Ziegen folgt ihrem Hirten ins Dorf. Wir stehen auf dem Vorplatz des hellblau gestrichenen Dorftheaters von Bademler, ca. 30 km von Izmir (Türkei) entfernt gelegen, und grüßen den vorüberziehenden Bauern stolz mit dem frisch gelernten ‚iyi ak?amlar‘! - ’N‘ Abend‘ kommt es freundlich grinsend zurück.

Einige Stunden später dann eine weitere überraschende Begegnung: Eine junge, sportlich gekleidete Frau kommt auf mich zu und wir geraten ins Gespräch. Sie ist hier in Bademler geboren, in Hamburg aufgewachsen und spricht mit starkem norddeutschen Akzent. Sie freut sich, deutsch sprechen zu können und auf die Aufführung aus Berlin. Ich erfahre, dass sie mit ihrem Mann vor kurzem aus Deutschland wieder nach Bademler gezogen ist. Es ist ein Versuch, in der Türkei Fuß zu fassen. „Wir hoffen, dass wir hier Glück haben werden!“, sagt sie und zeigt auf das neueröffnete kleine Café auf dem Marktplatz.

Auch wir hoffen auf unser Glück, auf der Bühne in Bademler!

Der Auftritt der Bunten Zellen soll ein Höhepunkt des transnationalen Kulturaustausches werden und bildet den Abschluss unserer fünftägigen Forschungsreise.

Die Konstellation in dieser Unternehmung ist außergewöhnlich:

Beteiligt sind:

  1. die Theatergruppe Bunte Zellen aus Berlin, deren Theater sich aus sozial- und gesell-schaftspolitisch relevanten Themen speist, die über Improvisation kollektiv erarbeitet und von deutsch-deutschen und türkisch-deutschen Theaterspieler_innen im Alter von 65 – 82 Jahren auf die Bühne gestellt werden,

  2. eine Gruppe von Studierenden der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) Berlin, die größtenteils selbst neben deutsch- auch kurdisch- und türkischsprachig ist und im Rahmen des Profinprojektes an der ASH dieses Praxisfeld sozialer Kulturarbeit unter dem Fokus transkultureller Prozesse und ästhetischer Verarbeitungsformen von Migration erforschen
    und

  3. Protagonist_innen aus Bademler, die Theater spielen oder spielten und größtenteils einige Jahre in Deutschland gearbeitet und gelebt haben.

Die Forschungsarbeit mit den Studierenden vor Ort wird mit entsprechendem Fragenkatalog vorbereitet, das Ziel der Reise ist eine intensive filmische Auseinandersetzung mit Identitäten, Auswirkungen von Migration in den Biografien der Menschen sowie mit Formen von künstlerischen Verarbeitungsmöglichkeiten von Migrationserfahrungen.

Täglich umreißen wir erneut das Forschungssetting, welches hier sehr speziell scheint. Die türkisch- und kurdischsprachigen Studierenden sind gefragt, ihre Kompetenzen in den Interviews mit der theaterspielenden Dorfbevölkerung in Bademler einzusetzen. Mit Mitgliedern der türkisch-deutschen Theatergruppe Bunte Zellen hatten sie bereits in Berlin gearbeitet und filmische Interviews gemacht.

Nun geht es in die zweite Runde, die Bedeutung des Theaterspiels, die besondere Form hier in Bademler im Kontext von Migration soll erforscht, die Begegnung anlässlich des Gastspiels dokumentiert und transkulturelle Prozesse sowie die Kontextualität der Theaterarbeit im gesellschaftlichen Diskurs sollen ermittelt werden.Mit der Kamera ausgerüstet brauchen die Studierenden nicht lange zu warten. Neugierig und offen, aufgeschlossen und interessiert gehen die Menschen auf der Straße oder im Café auf uns zu, voller Stolz präsentieren der Bürgermeister und der Theaterverein die Besonderheit dieses Dorfes und dessen Theatergeschichte.

Mit der Kamera ausgerüstet brauchen die Studierenden nicht lange zu warten. Neugierig und offen, aufgeschlossen und interessiert gehen die Menschen auf der Straße oder im Café auf uns zu, voller Stolz präsentieren der Bürgermeister und der Theaterverein die Besonderheit dieses Dorfes und dessen Theatergeschichte.

Im Theater lernen

Die spezielle Theatergeschichte dieses Ortes hatte ihren Anfang in den 1920er-Jahren, als ein Lehrer begann, mit der ‚aufsässigen‘ Dorfjugend Theater zu machen. Die Eltern mischten sich ein, auch sie wollten auf die Bühne! „Wir sind nicht lange zur Schule gegangen damals“, berichtet ein alter Mann. „Wir lebten von der Hacke, von harter Arbeit. Aber da haben wir uns gedacht, wo können wir noch ein bisschen weiter lernen? Am besten im Theater!“ Von nun an gab es jährlich Premieren, das halbe Dorf beschäftigte sich mit Rollenarbeit, Stücke schreiben, Plakate malen, Kostüme nähen, die Faszination zu dem Medium wuchs von Jahr zu Jahr, ein richtiges Theater musste her. Und sie bauten es sich – bis auf das Dach. Ein Sponsor aus dem Nachbardorf half aus – und dann war auch das geschafft.

Auf dem Friedhof zeigt uns der Bürgermeister Gräber, die nicht nur die Inschrift des hier Beerdigten, sondern auch den Namen seiner Lieblingsrolle zeigen. Leben und Sterben mit und für das Theater. Mittlerweile organisiert das Dorf den nationalen Amateurtheatertag am 27. März mit einem jährlichen Theatertreffen in Bademler, das nationale Jugendtheatertreffen findet in Bademler statt, es gibt Autoren, die extra für dieses Dorf ein Stück schreiben. Es gibt einen Kulturverein, der über Nachwuchsmangel nicht zu klagen hat und es gibt Gäste aus aller Welt. So auch uns.

Die Aufführung findet drei Stunden später als angekündigt statt. Die Zeit wird weiter genutzt und die Studierenden machen weitere Interviews mit einigen Dorfbewohner_innen, während die Bunten Zellen zum Teil hinter der Bühne dösend auf ihren Auftritt warten, zum Teil mit den Kolleg_innen des Dorftheaters plaudern.

So findet sich schließlich Clemens (76 Jahre) aus Berlin mit Hassan, dem ehemaligen Bürgermeister von Bademler, auf einem Sofa mitten auf der Bühne wieder: Ein wunderbares Forschungssetting für transkulturelle Begegnungen. Die Kamera wird ins Laufen gebracht und Hassan versucht Clemens die Bedeutung des Theaters zu beschreiben. Auch er war einige Jahre in Deutschland, spricht jedoch zunächst im Interview Türkisch. Eine Studentin übersetzt.

Plötzlich schaut er Clemens bewegt an. Er sucht nach deutschen Worten, möchte seinen Gesprächspartner nun direkt anzusprechen, um ihm sichtlich bewegt zu sagen, was ihm auf dem Herzen liegt. Er strahlt ihn an, offensichtlich hat er die richtigen Worte gefunden: „Theater, Theater – einfach wunderbar!“

Es ‚funkt‘ zwischen den beiden Herren; eine transkulturelle Begegnung, die in diesem Moment alles über die Bedeutung des Theaters in diesem Kontext und für diese Menschen aussagt.

Und die Aufführung wird tatsächlich wunderbar. Ganze Familien kommen, der Saal füllt sich. Das Stück mit dem Titel Allet janz anders - aber so verschieden nu ooch wieder nich! - Her?ey farkl?, fakat o kadar da farkl? de?il ?imdi yani! erzählt von Migrationserfahrungen im deutsch-deutschen und türkisch-deutschen Kontext. In einer Parallelmontage baut sich ein perspektivreiches Bild auf der Bühne auf, welches eher Gemeinsamkeiten als Differenzen heraus arbeitet.
Der Schlussapplaus ist begeistert; auch nach der Vorstellung bleiben viele Zuschauer_innen zu einer Diskussion. Fachkundige Fragen über Theaterarbeit, Probenrhythmus, Methoden, Gruppenarbeit und Regie werden gestellt, daneben wird reges Interesse an den aktuellen gesellschaftlichen Zuständen in Deutschland sichtbar: „Gibt es rassistische Reaktionen auf das Stück in Deutschland? Ist es normal, dass deutsche alte Menschen und deutsch-türkische alte Menschen zusammen über Migrationserfahrung Theater machen?“

Normal? Wahrscheinlich nicht. Zumindest ist diese Begegnung hier außergewöhnlich!

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