Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Theater der Erfahrungen

Bertha, stirb endlich!

Hospizmitarbeiter und eine Seniorentheatergruppe spielen gemeinsam Theater – eine Geschichte aus dem Leben über Lachen und Sterben.    

Angefangen hat alles mit einem Theater-Workshop, ganz harmlos: Zehn Spielerinnen aus dem Theater der Erfahrungen - Deutschlands ältestem Altentheater - und zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Hospiz Schöneberg-Steglitz improvisierten Szenen aus dem Alltag und fanden viele Gemeinsamkeiten.

Gründe und Erfahrungen gab es genug, um auch nach den humoristischen Seiten rund ums Sterben zu suchen – und nach einer besonderen Theatergeschichte, die den Wunsch nach ewigem Leben und die Einsicht seiner Endlichkeit aufeinander prallen lässt. Mitten in den Diskussionen und Improvisationen tauchte dann die Frage auf: Was passiert eigentlich, wenn ein Vampir ins Hospiz muss? Die Story war geboren:

Eine kleine Unachtsamkeit bei der Nahrungsaufnahme und schon war es um Bertha geschehen. Die mit 564 Jahre noch junge Vampirdame, wird plötzlich sterbenskrank und mitten in den Glauben an Unsterblichkeit tritt erstmals der Tod. Was tun? Wegignorieren wird mit der Zeit immer schwieriger. Kurzer Hand schieben die in Sterbensfragen unerfahrenen Verwandten Tante Bertha ins Hospiz ab - nur zu ihrem Besten.

Doch so schnell geht das mit dem Sterben im Hospiz letztlich auch nicht und so schlägt der fortdauernde Aufenthalt von Bertha auf’s Gemüt und mangels Vampir-Krankenkassen auch auf‘s private Portemonnaie: „Bertha, stirb endlich!“ fordert die blutsaugende Verwandtschaft – nur zu ihrem Besten.

Begegnung im Hospiz Sternentreppe - die Vampirdame Bertha kommt mit Frau Brauer ins Gespräch. Foto: Jörg Farys

Manfred Droste, seit über 12 Jahren in der Hospizarbeit engagiert und seit drei Jahren Mitarbeiter im Hospiz Schöneberg-Steglitz, ist mit 37 Jahren das jüngste Mitglied im Theaterprojekt. Neben dem Vergnügen gewann er aus dem  Theaterspiel ganz praktische Erfahrungen: „Aus reinem Selbstschutz schleicht sich während der täglichen Arbeit im Hospiz ein innerer Abstand zu den Hospiz-Gästen ein und auch zu deren Angehörigen. Ganz unbemerkt.“ Deutlich wurde das in den spontanen Improvisationen, aus denen heraus das Theaterstück während den Proben entwickelt wurde. „Ich sah mich plötzlich selbst, hörte auch Kommentare von den anderen Spielerinnen.“ Geradezu spielend wurden so eingeschliffene Umgangsformen überprüft, „die Sensibilität stieg wieder, auch das Verständnis für die Angehörigen.“

„In den Wochen der Proben und Vorbereitungen herrschte eine angenehme Vorfreude“, beschreibt Dieter Geuß, Leiter des Hospiz Schöneberg-Steglitz, die Stimmung unter den beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. „Viele Aspekte aus der Hospizarbeit sind im Theaterstück enthalten: die Angst vor dem Sterben aber auch die kleinen Aspekte des täglichen Lebens, die Zweifel, Hoffnungen und auch Geldfragen, die mit dem Sterben zusammenhängen.“ Überrascht hatte Dieter Geuß die „Leichtigkeit des Theaterstücks“. Ein Besuch der Vorstellung, so sein Resümee, sei eine gute Möglichkeit für alle, sich dem Thema Sterben und Sterbebegleitung zu nähern.

„Die ‘Message‘ des Stücks richte sich durchaus auch an 20-jährige“, meint auch Frau Gragnato, von der Seniorenbetreuung in Steglitz-Zehlendorf. „Unsere Sterbekultur lässt ohnehin sehr zu wünschen übrig und so ein Theaterstück wie Bertha, stirb endlich! hilft da weiter. Da wird ein schwieriges Thema ganz unkapriziös behandelt. Es ist so schön indirekt, selbst 80-jährige konnten darüber lachen.“

„Mit meinem schwarzen Humor war ich hier bestens aufgehoben“, erzählt eine Besucherin nach der Premiere vergnügt und denkt amüsiert an die weit angereiste Vampir-Verwandtschaft zurück, die zur Geburtstagsfeier die ein oder andere Blutkonserve ‘dekantierte‘: „Man denkt über das Leben und den Tod nach – wird aber heiter entlassen“.
„Nicht schnulzig, nicht verharmlosend, dafür wirklich witzig und klug in Szene gesetzt“, lautet ein weiterer Kommentar zum Theaterstück und eine Premierenbesucherin fasste zusammen: „Sterben ist nichts Besonderes, das Leben ist viel wichtiger“.

Geburtstagsparty auf Burg Schreckenstein, Foto Jörg Farys

Zufriedene Gesichter auch bei den beiden Initiatoren von „Bertha, stirb endlich!, bei Eva Bittner, Gründerin und Leiterin des Seniorentheaters Theater der Erfahrungen und bei Stefan Schütz, Leiter des ambulanten Hospizdienstes im Hospiz Schöneberg-Steglitz: „Im Voraus kann man nie sagen, was bei einem solchen Theaterexperiment und vor allem bei einer solchen Besetzung tatsächlich herauskommt, an Erfahrungen für die Teilnehmer und vor allem als Theaterstück.“ Aber eine Einsicht setzte sich durch, bei den Proben und beim Spiel auf der Bühne: man sollte Leben bis zum Schluss, auch beim Sterben.

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